Befreiung!!
Aufklärung ist richtig klasse, wenn man damit ganz klassisch 'den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit' meint.

Die Überlegung 'Vielleicht ist es alles gar nicht wahr?' kann eine unglaubliche Erleichterung nach sich ziehen. Plötzlich fällt es einem wie Schuppen von den Augen, wenn man merkt, was für ein gewaltiges System aus Aberglauben und Halbwissen man nie in Frage gestellt hat.

Vor etwa zwei Jahren, oder vielleicht auch zweieinhalb, fand ich bei einer Bloggerin, die aus einem völlig anderen Grund auf meiner Leseliste auftauchte, einen Link zu The Rotund, dem Blog der Autorin und Aktivistin Marianne Kirby.

Erst mal konnte ich es nicht fassen.

Da hatte ich nun mein gesamtes Erwachsenenleben in dem ständigen Bewusstsein verbracht, eigentlich abnehmen zu sollen (ich war nur zu faul und geizig, um die ganze mentale Energie, die Zeit und das Geld aufzubringen, die das kosten würde, und irgendwann würde eh ein Wissenschaftler rausfinden, wie der Stoffwechsel wirklich funktioniert, und wie man die eindeutig existierende unterschiedliche Futterverwertung bei verschiedenen Leuten regulieren kann -- zumindest das sagte ich, wenn sich einer traute, das Thema anzusprechen), und von Zeit zu Zeit hatte ich auch irgendeine Diät gemacht, weil XYZ bla bla bla -- Gründe gibt es anscheinend immer genug, und wenn man dick ist, dann ist Abnehmen erstmal die Lösung für jedes Problem, richtig? Und natürlich ist es schlecht für die Gesundheit, so auf eine vage Weise, von der man immer mal wieder in einer Zeitung oder dann später online gelesen hat, aber die Experten werden es schon wissen. Und natürlich kann jeder abnehmen, wenn er nur wirklich will oder die richtige Maßnahme ergreift. Und natürlich gibt es gute und böse Nahrungsmittel, und wenn man die bösen mag und ißt, dann begeht man eine Sünde und ist schuldig. Oder muss dafür büßen.

Okay, ich höre auf, bevor das zu sehr ins Satirische rutscht. Ich kann einfach nicht mehr ernst nehmen, was ich damals völlig ohne Widerspruch oder Zweifel geglaubt habe.

Da kam ich also mit einem Klick auf diesen Blog, der damals noch wesentlich pinker war als heute, und stand völlig verdattert vor der Annahme, dass es vielleicht alles gar nicht wahr ist. It ain't necessarily so.

Es ist möglicherweise alles Quatsch, und ich habe mich jahrzehntelang umsonst abwechselnd selbst mit Diäten gequält, oder meine Umgebung mit der angefressensten, aggressivsten Haltung zu allem was Nahrung, Sport, oder meinen Körper anging. Wer irgendetwas zu sagen wagte, der kriegte ja so dermaßen einen übergebratenen!

Das loszulassen, das ging nicht einfach von jetzt auf gleich.

Okay, vielleicht habe ich Rechte, und muss nicht immer peinlich genau darauf achten, auf keinen Fall um irgendeiner Extrawurst zu bitten, weil ich eben körperlich anders bin als die Normalverbraucherin. Vielleicht bin ich nicht selber schuld an allem Schlechtem, allen fiesen Bemerkungen und aller Benachteiligung, die mit bis da hin als mein natürliches Los erschienen.

Gelegentlich kehrte ich mal auf den Blog zurück, klickte ein paar Links weiter, und jedes Mal blieb irgend etwas auf der Strecke.

Okay, vielleicht ist es nicht wahr, dass Übergewicht immer automatisch 'schlechte Gesundheit' bedeutet und unweigerlich zu Diabetes, Herz- und Gelenkproblemen führen wird. Vielleicht kann nicht jeder abnehmen, wenn er oder sie nur will, und statt Abnehm-Diäten und Kalorienverbrenn-Sport kann man intuitiv essen, was man mag, und schauen, ob man vielleicht einfach Freude an Bewegung haben kann, also all das, was man im Englischen unter Health At Every Size (HAES) zusammenfasst. Ohne dass irgendjemand noch abnehmen muß.

Ich habe mein Leben lang Sport gehasst. Das, was mir Spaß machte (Schwimmen, Radeln), konnte unmöglich Sport sein. Dass ich jetzt plötzlich eine Sorte Schuhe entdeckte, in denen es mit sogar Spaß machte, zu Fuß zu gehen, war wohl eher Zufall? Desgleichen gab es ein paar heiße Sommer, und es war nur natürlich, mehr Lust auf irgendwelche italienisch inspirierten Salate zu haben als auf viel Fleisch?

So nach und nach gab ich eine 'Wahrheit' nach der anderen auf. Wenn ein Kerl sich von einer dicken Frau angezogen fühlt, ist er nicht notwendigerweise ein perverser Fetischist, mit dem ich auf keinen Fall irgend etwas zu tun haben will, richtig?

Und wie bei jeder moralischen Panik, bei jedem Gesundheitsschwindel, die mit scheinbar unangreifbarem Zahlenmaterial in den Blätterwald rauscht, sollte man keiner Statistik trauen, die mach nich selbst gefälscht hat, oder zumindest sich nicht eine Korrelation als Kausalität verkaufen lassen. Das, zusammen mit willkürlich festgelegten Grenzwerten, führt dann zu dieser 'OMG Übergewichts-Epidemie grusel grusel grusel!!1!', die sie alle immer so ganz furchtbar bekämpfen müssen.

Uff. Noch ein großer Popanz geplatzt und zu einem kleinen Häufchen Elend zusammengefallen.

Vielleichts ist es ja auch so, dass wir Dicke nicht an sich eklig und abstoßend sind. Wenn es im Gegenteil so ist, dass immer der Mittelwert von dem, was man zu sehen gewohnt ist, als besonders schön gilt, und wenn sämtliche Medien angefüllt sind mit irgendwelchen gephotoshoppten Anorektikerinnen, dann wird doch das Ideal immer dünner, und immer mehr Frauen gelten als zu fett?

Auftritt von Adipositivity, einem Fotografie-Projekt, das nicht nur sehr üppige Kurven feiert, sondern auch den Blick wieder normalisieren will. Wenn sich das Gefühl für 'normal' und 'schön' wieder weiter in der Mitte einpendelt, dann stellt man beim Fernsehen plötzlich von ganz alleine fest, dass Kirsten Vangsness eine richtig hübsche Frau ist, dagegen Gabrielle Anwar ein verdammtes wandelndes Skelett.

'Fat Hatred' ist nicht nur Hass auf Fette, statistische Ausreißer so wie mich, sondern Hass auf das Fett an jeder Frau, den die meisten dann gegen sich selbst richten, getreu dem Motto, man können nie zu dünn oder zu reich sein. Wenn ich am extremen Ende der Skala mich von dem Diätquatsch, der moralischen Panik, dem Selbsthass und der Unattraktivität befreien kann, dann haben doch wesentlich dünnere Frauen erst recht Grund, endlich von dem verdammten Hamsterrad herunterzukommen?

Fat Acceptance ist nicht nur für so richtig Fette, die keine andere Wahl haben (außer vielleicht, sich umzubringen und so dem Gesundheitssystem nicht mehr zur Last zu fallen -- ach nee, lieber doch nicht, wir lernen ja beim Bestatterweblog, dass die standardisierten Särge und Krematorien für uns üble Fettklöpse nicht breit genug sind --- also doch lieber große Teile des Verdauungsaparates unwiederruflich operativ entfernen lassen und erst an Komplikationen sterben, wenn man schon so richtig viel abgenommen hat?), sondern verringert den Druck auf alle Frauen.

Und ja, es gibt Probleme für und Vorurteile gegen dicke Männer, aber im überwiegenden Fall betrifft es Frauen. Fat is a feminist issue, auch wenn Susie Orbach damals etwas ganz anders damit meinte.

Und wenn der Druck, sie müsse unbedingt abnehmen, weg ist, dann kann eine Frau sich ernsthaft auf etwas Anderes konzentrieren.-

Was ich jetzt auch tun werde, bevor ich vom Zynismus in den ätzenden Sakasmus abrutsche. Das ist auch keine Alternative dazu, in lustfeindlicher Moralinsäure zu ersaufen, die sich nun halt nicht mehr gegen Sex, sondern gegen das Essen und die Körperfülle richtet.

Aber über das Thema Sünde, und das 'letzte akzeptable Vorurteil' schreibe ich ein anderes Mal.-

Edit: Etwas wilde Metapher im zweiten Absatz auf zahlreichen Wunsch einer einzelnen Dame geändert!